Dem Pangolin auf der Spur

Dez 1, 2023 | Nachhaltigkeit, Okonjima Nature Reserve

Das Schuppentier ist eines der seltensten und am häufigsten illegal gehandelten Säugetiere der Erde. In Asien werden seine Schuppen teuer verkauft. Die Tiere stehen unter strengem Schutz – doch es gibt Orte, an denen man sie mit etwas Glück noch beobachten kann.

Schniff, schniff. Das Schnüffeln kommt langsam näher. Wir liegen auf dem staubigen Boden des Okonjima-Naturreservats. Es ist noch früh am Morgen, erst kurz nach sechs Uhr. Hier, im Südwinter, sind die Temperaturen während der Nacht auf fünf Grad gesunken, der Sand ist noch kalt. Doch im Gestrüpp regt sich etwas. Nach einigen Minuten des Wartens, des Horchens und der Vorfreude kommt ein heutiger Dinosaurier aus dem Gebüsch gestapft. Er ist mit Schuppen bedeckt, geht aufrecht auf seinen Hinterbeinen, hält seine beeindruckenden Grabkrallen an den Vorderfüßen vor sich zusammengefaltet und nutzt seinen langen, breiten Schwanz zum Ausbalancieren. Immer wieder forscht er im Sand nach Ameisen und Termiten.

Okonjima Nature Reserve - Tracking the Pangolin

Das Schuppentier ist eines der seltensten und am häufigsten illegal gehandelten Säugetiere der Erde

Gemeinsam mit einem Feldforscher von AfriCat sind wir auf der Suche nach einem der seltensten Tiere Afrikas. Trex ist ein acht Monate altes Männchen. Ohne seinen GPS-Sender, mit dem er zur Erfassung von Forschungsdaten über seine Bewegungen ausgestattet wurde, hätten wir ihn wahrscheinlich nie gefunden. Doch jetzt schnuppert er überall herum, nur wenige Meter von uns entfernt, ganz so als ob es uns nicht gäbe. Immer wieder steckt Trex seine Nase in Erdlöcher, um nach Ameisen und Termiten zu suchen. Ist er fündig geworden, lässt er seine Zunge in den Bau gleiten, um seine Beute zu erwischen. Gemessen an ihrer Körpergröße haben Schuppentiere – nach Chamäleons – die längste Zunge im Tierreich. Ohne ihre lange Zunge hätten die Pangoline keine Chance, an ihre meist tief im Erdreich versteckte Beute zu gelangen.

Viele Menschen haben noch nie von einem Schuppentier gehört und die wenigsten haben schon eines gesehen. Diese Tiere sind überaus selten, und Sichtungen sind noch seltener. Die ältesten bekannten Verwandten der heutigen Schuppentiere lebten vor etwa 47 Millionen Jahren. Trex ist ein Temminckschuppentier (Smutsia temminckii). Dieses Steppenschuppentier, das zweitgrößte aller Pangoline, ist die einzige Schuppentierart, die in Namibia vorkommt. Trex ist ein junges ausgewachsenes Tier und wiegt nach Angaben von AfriCat 9 kg. Ausgewachsene Schuppentiere können zwischen 8 und 18 kg wiegen. Trex wurde erst im März 2022 in das AfriCat-Forschungsprogramm aufgenommen. Seine Mutter nimmt bereits seit 2018 daran teil.

Von seinem Aussehen her könnte das Schuppentier tatsächlich einem prähistorischen Märchen entsprungen sein. Dieser vorwiegend nachtaktive Insektenfresser ist der letzte Überlebende eines Millionen Jahre währenden Evolutionsprozesses. Sein Körper ist mit harten, scharfkantigen Schuppen aus Keratin bedeckt, seine Zunge ist länger als sein Körper und sitzt in der Nähe des Beckens und des letzten Rippenpaares.

Okonjima Nature Reserve - Tracking the Pangolin

Aufgrund ihrer Gefährdung durch Wilderei ist ein sicherer Lebensraum für Schuppentiere entscheidend für ihr Überleben. Das Okonjima-Naturreservat ist ein solcher sicherer Lebensraum.

Heute sind acht Arten von Schuppentieren bekannt, vier in Afrika, vier in Asien. Allen ist gemeinsam: Durch illegale Jagd ist ihre Zahl so stark zurückgegangen, dass die Weltnaturschutzorganisation IUCN drei Arten in Asien als vom Aussterben bedroht eingestuft hat, und eine als stark gefährdet. Um die vier afrikanischen Arten steht es kaum besser – die Bestände an Steppenschuppentieren, Weißbauchschuppentieren, Riesenschuppentieren und Langschwanzschuppentieren gehen ebenfalls dramatisch zurück. Zwei der vier afrikanischen Arten sind als stark gefährdet gelistet, zwei als gefährdet, darunter auch das Steppenschuppentier.

Das Problem: In vielen Teilen Afrikas gilt ihr Fleisch als Delikatesse und wird als „Buschfleisch“ auf einheimischen Märkten verkauft. Zudem wird verschiedenen Körperteilen eine medizinische Wirkung gegen Krankheiten zugeschrieben, insbesondere in West-, Zentral- und Ostafrika. Der weltweite Handel stellt jedoch eine noch größere Bedrohung für Schuppentiere dar. Der Handel nach Asien floriert. Dort werden Schuppentiere häufig in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. Da das Horn des Nashorns immer schwieriger zu beschaffen ist, werden gemahlene Pangolinschuppen in der chinesischen Medizin zunehmend als Ersatz verwendet, beispielsweise als Aphrodisiakum, Asthmamittel und zur Behandlung von Rheuma und Krebs.

Die vier asiatischen Arten sind seit dem Jahr 2000 durch das Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES) geschützt. Seit 2017 sind alle acht Arten im CITES-Anhang I aufgeführt und haben damit den höchsten Schutzstatus. Der internationale Handel mit diesen Tieren ist komplett untersagt. Trotzdem werden sie weiter gejagt. Niemand weiß genau, wie viele Tonnen Pangolinschuppen jährlich geschmuggelt werden. Laut Zahlen des World Wide Fund for Nature (WWF) werden weltweit jeden Tag mindestens 300 Schuppentiere gejagt, insgesamt etwa 10 000 pro Jahr – und das, obwohl ein weibliches Schuppentier pro Jahr nur ein einzelnes Junges zur Welt bringt. Nach Angaben der Stiftung zur Erhaltung und Erforschung des namibischen Schuppentiers (Namibian Pangolin Conservation and Research Foundation) wurden in Namibia in den vergangenen sieben Jahren 491 Schuppentiere beschlagnahmt (152 lebend und 339 Kadaver oder Häute) und 640 Tatverdächtige verhaftet.

Aufgrund ihrer Gefährdung durch Wilderei ist ein sicherer Lebensraum für Schuppentiere entscheidend für ihr Überleben. Das Okonjima-Naturreservat ist ein solcher sicherer Lebensraum. Die AfriCat Foundation, die dort tätig ist, hat 2018 ihre eigene Forschung gestartet, um die Schuppentiere im Reservat zu überwachen und mehr über sie zu erfahren. Das ursprüngliche Ziel der 1993 gegründeten Stiftung war der Schutz und die Erhaltung von Raubtieren, da sich Mensch-Wildtier-Konflikte vor allem um diese Arten drehen. Inzwischen hat sich das Augenmerk der Stiftung auf gefährdete Arten ausgeweitet.

Okonjima Nature Reserve - Tracking the Pangolin

Gemeinsam mit einem Feldforscher von AfriCat sind wir auf der Suche nach einem der seltensten Tiere Afrikas. Links: Karen Codling, die Direktorin von AfriCat.

Lange Zeit war die AfriCat Foundation für ihre Arbeit mit Farmern bekannt, bei der es darum ging, Konflikte zwischen Viehzüchtern und Raubtieren, insbesondere Geparden und Leoparden, zu entschärfen. Die Farmer waren jedoch nicht in der Lage oder nicht gewillt, ihre Produktionsmethoden anzupassen, und baten die Stiftung stattdessen um Hilfe bei der Beseitigung unerwünschter Raubtiere. Anfangs konnte AfriCat die Geparden und Leoparden auf Farmen umsiedeln, die zu ihrer Aufnahme bereit waren, aber es wurde immer schwieriger, alternative Gebiete für sie zu finden. Außerdem ist es keine Lösung, Raubtiere von Farmland zu entfernen, da rasch neue Tiere auftauchen, um das frei gewordene Revier zu übernehmen. AfriCat hat daher die Arbeit in Sachen Mensch-Wildtier-Konflikt eingestellt und konzentriert sich stattdessen darauf, zu untersuchen, was für einen Beitrag Naturschutzgebiete zum Umweltschutz leisten können.

Zur Forschungsarbeit von AfriCat gehören Schuppentiere. Im geschützten Okonjima-Naturreservat kommen sie natürlich vor. „Im Rahmen der Forschung hat die Stiftung eine Reihe von Schuppentieren mit Sendern versehen und bewegungsgesteuerte Kameras an ihren Höhlen installiert. “Wir sammeln Daten zu ihrer grundlegenden Ökologie, weil so wenig über diese Tiere bekannt ist. Beispielsweise versuchen wir herauszufinden, wie groß ihre Reviere sind, wie sie sich fortpflanzen und wie sich die Tiere untereinander und mit anderen Arten im Reservat verhalten“, erklärt Karen Codling, die Direktorin von AfriCat. Schuppentiere sind eine sehr empfindliche Art. Ein Beispiel: Während Dürreperioden, die in Namibia häufig auftreten, verzeichnete die Stiftung eine erhöhte Sterblichkeitsrate unter Schuppentieren, weil weniger Termiten zur Verfügung standen. Termiten sind neben Ameisen die Hauptnahrungsquelle dieser Tiere. „Das Ziel unserer Forschung ist es, das Verständnis für Schuppentiere zu fördern und ihren Schutz zu verbessern. Unsere Arbeit wird hauptsächlich durch den Tourismus finanziert“, sagt Codling.

Der Feldforscher von AfriCat beobachtet Trex seit seiner Geburt. Liebevoll nennt er das Schuppentier seinen „Sohn“. Mehrmals pro Woche überprüft er dessen Wohlbefinden und zeichnet Daten über seinen Standort und sein Verhalten auf. In regelmäßigen Abständen wird das Tier gemessen, gewogen und auf seinen Gesundheitszustand untersucht. Die Forscher haben erhebliche Gewichtsschwankungen und häufige Höhlenwechsel festgestellt. Trex hat auch eine Höhle genutzt, die vor seiner Geburt von seiner Mutter bewohnt wurde. „Da es sich um ein junges Schuppentier handelt, sind wir besonders daran interessiert, wie es sich bei der Abwanderung von seiner Mutter verhält und wie es sein Revier auswählt“, erklärt die AfriCat-Direktorin. „Die Anwesenheit von Schuppentieren ist immer ein gutes Zeichen für ein gesundes Ökosystem. Sie gelten als Indikatorart.“ Es ist auch bekannt, dass Schuppentiere trotz ihrer geringen Größe enorm wichtig für das Ökosystem sind. Ein einziges Tier frisst bis zu 70 Millionen Termiten im Jahr.

Abgesehen vom illegalen Handel sind Elektrozäune eine große Bedrohung für das Schuppentier. Farmer und Wildtierhalter errichten diese Zäune zum Schutz ihrer Tiere. In der Regel gehört dazu ein elektrifizierter Draht in Bodennähe, was für Schuppentiere zum Tod durch Stromschlag führt, wenn die über den Draht laufen. Nach Schätzung einer südafrikanischen Studie werden jährlich 1.000 bis 2.000 Schuppentiere durch Elektrozäune getötet – das ist weit mehr als die Zahl der illegal gehandelten oder gewilderten Schuppentiere.

Im Okonjima-Naturreservat ist jedoch eine andere Erfahrung gemacht worden, trotz 96 km Elektrozaun im Reservat. Okonjima wurde 2011 eingezäunt, und es wurden spezielle Anpassungen an der herkömmlichen Zaunkonstruktion vorgenommen, um die Gefahr zu verringern, dass Wildtiere durch den Zaun getötet oder verletzt werden. Dazu gehört, dass der unterste Elektrodraht höher über dem Boden liegt. Zudem wurde ein Erdleiter angebracht und ein weiterer Elektrodraht in Brusthöhe großer Antilopen, um zu verhindern, dass sie sich durch den Zaun kämpfen. Da der unterste Draht recht hoch über dem Boden liegt, können sich Tiere wie Stachelschweine und Warzenschweine allerdings unter dem Zaun hindurchgraben. Daher wird der Zaun täglich auf seiner gesamten Länge kontrolliert, um solche Löcher zu schließen. Mit dieser Strategie kann verhindert werden, dass Schuppentiere oder Schildkröten und Erdferkel durch Stromschläge am Zaun sterben.

Gegen die meisten Raubtiere können sich Schuppentiere normalerweise bestens verteidigen. Kommt zum Beispiel ein Löwe oder ein Leopard einem Schuppentier zu nahe, rollt es sich zu einem schützenden Ball zusammen. In solchen Fällen merkt selbst ein Löwe, dass es nichts zu holen gibt. Doch gegen Menschen ist diese Verteidigungsstrategie nutzlos, und solange Schuppentiere – tot oder lebendig – einen kommerziellen Wert haben, werden sie weiterhin gewildert und illegal verkauft werden. Okonjima bietet den Schuppentieren im Naturreservat einen sicheren Lebensraum, und die AfriCat Foundation sammelt wichtige Informationen, um ihre Erhaltung in ganz Namibia und darüber hinaus zu unterstützen.

Text und Fotos: Fabian von Poser, Karen Codling

Da einige der Schuppentiere auf Okonjima zu Forschungszwecken mit Peilsendern ausgestattet wurden, sind die Chancen zur Beobachtung der Tiere recht gut. Um den Schutz und die Erforschung der Schuppentiere zu finanzieren, bietet Okonjima spezielle Touren an. Die Exkursion Pangolin Tracking on foot mit bis zu sechs Gästen dauert zwei Stunden, wobei maximal 30 Minuten zur Beobachtung eines Schuppentiers zur Verfügung stehen. Das Pangolin Tracking setzt jedoch wenigstens zwei Übernachtungen voraus. Je nach Saison kostet die Tour zwischen 2.000 und 2.200 Namibia-Dollar (Stand 2023), umgerechnet etwa 110 bis 125 Euro. Kinder im Alter von 12 und 13 Jahren zahlen die Hälfte. Diese Aktivität kann direkt in der Lodge gebucht werden, vorbehaltlich Verfügbarkeit.